Nur noch ein paar Minuten, und der Zug wird abfahren.
Er rechnete nicht mit Verspätung. Und wenn schon — dachte er — was würde das ändern an einem Plan, der längst zu Ende gedacht war.
In fünf Stunden Krakau. Bahnhof. Niemand erwartet ihn. Zu Fuß zum Hotel Francuski. Ein Bett. Drei Nächte schlecht geschlafen. Endlich liegen. Endlich einschlafen.
Die Tür schloss sich fast lautlos. Der Zug setzte sich in Bewegung. Erst zögernd, dann mit überraschender Leichtigkeit. Über die Weichen stolpernd, den Damm hinauf, vorbei an Bonin, durch Siedlungen, über die Warthe, hinaus aus den Peripherien.
Dimitr versank im samtenen Sitz. Der Kopf zwischen Polster und einem harten Gegenstand in der Manteltasche. Unruhe.
Neustadt Krakau stand vor der Entscheidung. Investor. Stadtplaner. Baugenehmigung. Drei Jahre Arbeit. Ein Team, das er führte. Alice.
Alice, die den Investor überzeugt hatte. Ihre Vision. Sein Projekt. Ihr Erfolg.
Er zog den Mantel über den Kopf. Schnee reflektierte das Licht wie scharfe Krallen. Er schlief ein.
Die Landschaft verschwand. Räume öffneten sich. Verengten sich. Wurden enger. Er wurde kleiner. Stellte eine Frage, auf die kein Satz folgte. Nur Kälte. Nur Druck.
Er kannte diese Träume. Weite Hallen, leer, weiß. Dann Stimmen. Masse. Bewegung gegen ihn. Am Ende eine schwere Bronzetür. Langsam schließend. Je näher er kam, desto weniger Luft.
Er wachte auf, als sein Fuß den des Gegenübers berührte. Murmelte eine Entschuldigung. Die Räder wurden lauter.
Gestern Abend hatten sie auf ihn angestoßen. Erfolg. Team. Zukunft. Sie waren betrunken, laut, glücklich. Er sah, wie sie ihm glaubten. Wie sein Entschluss ihrem Leben Richtung gab.
Alice war nicht da. Sie blieb in Krakau, um die Präsentation zu überarbeiten. Hohe Standards. Verantwortung.
Er hatte es nicht für sie getan, sagte er sich. Nicht für sie.
Aber damals, im Sony Center in Berlin, als er den Investor traf, wusste er, dass er zusagen würde. Ein alter Bahnhof. Ein Grundstück. Ein neues Zentrum.
Alice war wieder im Spiel.
Er gab ihr Mittel. Macht. Zeit. Er gab mehr, als er je bekam. So sagte er es sich. So beruhigte er sich.
Der Zug beschleunigte.
Krakau.
Der Nebel in Posen hatte ihn zunächst hier landen lassen. Ein gutes Zeichen, dachte er. Hotel Francuski. Er wollte sie überraschen.
Die Nachrichtentafel.
Zwei Namen. Dieselbe Zimmernummer.
Eine kalte Welle. Ruhe im Gesicht. Ein paar Münzen in die Hand des Concierges. Fragen. Antworten.
Florianstor. Barbakan. Taxi. Flughafen.
Der Nebel war weg.
Jetzt stand er im Rathaus. Flur. Beamte. Schritte. Mantel offen. Hand in der Tasche. Der kalte Gegenstand lag ruhig in seiner Handfläche.
Die Bronzetür am Ende des Ganges.
Er ging schneller.
Weniger Menschen hier. Mehr Stille.
Die Tür füllte den Raum.
Er drückte den Griff.
Ein schmaler Spalt aus Licht.
Im Kaminraum das Modell von Neustadt Krakau.
Dahinter Alice.
Und Greig.
Beide über das Modell gebeugt. Rücken zur Tür. Stimmen. Lachen.
Er nahm die Hand aus der Manteltasche.
„Alice.“
Keine Reaktion.
„Greig.“
Jetzt drehten sie sich.
